Zeit des Wandels

Gerade liege ich am Strand. Die Hitze schaltet mein Gehirn ab, was äußerst selten vorkommt und läßt mich tiefenentspannen . Ich blicke in türkisblaue Wellen, die wenn sie sich brechen wie hunderttausend Diamanten, funkeln. Wie von selbst beginnen im entstehenden Vakuum meines Hirns Erinnerungen wie winzige Gasblasen an die Oberfläche zu streben.

Damals … als ich gerade zwei Wochen vorher mein Abi absolviert hatte…..damals ….. was war ich jung, was war ich neugierig und abenteuerlustig ….

Damals wunderte sich niemand, als ich nach dem Abi beschloss in Frankreich zu leben. Ich erinnere mich, dass ich spätestens in der Volksschule die innere Gewissheit entwickelte ins Land, wo Milch und Honig fließen, zurückzukehren. Vielleicht war’s aber auch der Moment als meine Familie dieses Paradies verließ, da ich wusste: Ich kommen wieder! Damals war ich 3 Jahre alt, als wir zurück nach Deutschland gingen.

Meine Mutter versuchte mich zu erden, wenn ich über meine Pläne sprach. „Wenn du dort lebst, wird es auch Winter geben. Im Alltag ist der Sommer nicht zu Hause. Those lazy, crazy summer days, die gibt’s im Alltag nicht.“

Doch nichts und niemand konnte mich abhalten, als ich nach dem Abi meine Koffer packte. Ich reiste ins Ungewisse mit einem vagen Plan im Gepäck. Kurz vor meiner Abreise traf ich meine Freundin Biggi auf einer Semesterparty ihrer Uni.

„Hey, ich geh im Herbst nach Paris für ein Auslandssemester. Cool, was?“ begrüßte sie mich und strahlte in dem Maße, da ihr damaliger Freund unglücklich aus der Wäsche guckte.

„Krass ich auch,“ freute ich mich und ihr Freund ging uns eine Limo holen.

„Was willst du denn dort? Gibt es einen Plan? “ Verblüfft schaute sie mich an.

„Das weiß ich noch nicht genau. Auf jeden Fall nicht Au Pair!“ Das war mir sonnenklar. „Auf keinen Fall werde ich in Frankreich Windeln wechseln.“

In Paris trafen wir zwei uns wieder und verbrachten einen abenteuerlichen Monat bei der Suche nach einer Unterkunft, überbrückten die erste Zeit gemeinsam, spendeten uns Trost in der Ferne und kämpften Seite an Seite als Landeier, um in einer Weltstadt Fuß zu fassen. Heute da ich Mutter bin, wird mir nachträglich noch schlecht, wenn ich daran denke, was wir so alles trieben. Als erstes wurde ich Tellerwäscherin und versuchte Bekannte meiner Eltern zu bezirzen mir ein Praktikum zu verschaffen. Ich lernte eine Menge neuer Leute kennen, die häufig, wie das meistens beim Kennenlernen der Fall ist, fragten was ich in Paris tue.

„Och, auf einem Schiff an der Seine arbeiten,“ antwortete ich dann meistens ausweichend.

„Ach wie cool und was machst du dort?“

„Tellerwaschen,“ antwortete ich und versuchte mein Gesicht zu wahren.

„Ooookay,“ antworteten dann viele peinlich berührt, ob der niederen Arbeit, die ich im Notfall auch ein Jahr lang verrichtet hätte, hätte ich nicht irgendwann ein Praktikum bei einer kleinen Zeitung, wo ich fortan das Photoarchiv betreute, gefunden. Bald erweiterte sich dort mein Aufgabenfeld wie von selbst, indem ich das Archiv umorganisierte, irgendwann auch selbst fotografierte. Die Arbeit um mich herum schien sich beinahe meinem Traum anzupassen.“Was machst du in Paris?“ wurde ich auch 3 Monate später noch regelmäßig gefragt. „Och, ich arbeite in einem Fotoarchiv und fotografiere auch ein bisschen.“ „Waaas? Wie cool ist das denn?“ Bewundernde Blicke wurden mir nun zugeworfen. Hatte ich mich in so kurzer Zeit vom Putzlappen in einen Brillantring verwandelt? So zumindest nahm mich meine Außenwelt nun offensichtlich wahr. Ich war zutiefst irritiert. Nichts hatte sich geändert in mir. Ich war die gleiche wie eh und je und hatte eine Lektion gelernt:

Irgendwann wenn ich faltig und krumm und die Menschen nur mehr die alte Frau in mir sehen werden, bin ich dennoch sehr viel mehr. Auch tosender Beifall kann trügen, denn vielleicht bin ich weniger oder anders. Mein Wert aber bleibt unvergleichlich, wunderschön jenseits aller Blicke.

Frankreich ist nicht nur mein Geburtsland, nicht nur Teil meiner Identität, Frankreich hat mich im Leben viel gelehrt.

Lyon vor fast 20 Jahren … das war eine Zeit! Nach meinem Auslandsjahr in Paris absolvierte ich eine Lehre in München, um gleich danach in Lyon zu landen. Frankreich war wie ein Magnet für mich, der mich immer wieder magisch anzog. Mein Start dort war weniger abenteuerlich als in Paris, eher sogar wohl organisiert. Zur Überbrückung bis zum Studium arbeitete ich dort als Karenzvertretung in der französischen Filiale meiner Ausbildungsfirma.

Dort angestellt, unterzogen mich meine französischen Kollegen erst einmal einer Feuertaufe. Ihnen wurde ‚une boche‘, eine Deutsche, ins Büro gesetzt und das kam gar nicht gut an. „Im Alltag ist der Sommer nicht zu Hause,“ das hatte mir meine Mutter immer wieder versucht beizubringen. Wie recht sie hatte! Ich erinnere mich noch wie ich tränenüberströmt am Quai der Saone entlangstolperte, weil ich als Neuling der Hilfe und Unterstützung meiner Kollegen bedurft hätte. Die redeten am Anfang aber kaum mit mir, flüsterten hinter meinem Rücken und fanden ich solle das alleine schaffen, wenn ich Franzosen den Arbeitsplatz wegnehme. In meiner Isolation beging ich einen ungeheuren Fehler. 3 t Chemikalien ließ ich falsch verpackt zum Kunden liefern … ich fühlte mich elend …. aus irgendeinem Grund hatte dieser Fehler glücklicher Weise keine schlimmen Folgen für mich.

Meine lieben Kollegen fassten mich wirklich nicht mit Samthandschuhen an. Schon gar nicht als Deutsche und ich spürte am eigenen Leib, die Abneigung , die Deutschen vielerorts in Europa entgegengebracht wird. Ich war zu Beginn so einsam, dass ich auf den Markt ging, nur um mich mit Bauern übers Wetter zu unterhalten. Es gibt Menschen, die mir vorwerfen stur wie ein Esel zu sein. Möglicher Weise haben sie recht, denn sonst hätte ich nie und nimmer durchgehalten. Wäre ich nicht so wie ich nun mal bin, hätte ich den Großteil meiner Mutanfälle wahrscheinlich nicht einmal gewagt zu denken.

Unverhofft trat ein Wandel in meiner Arbeits- und Lebenssituation in Lyon ein. Paradoxer Weise entschied ich mich in meiner Not, inspiriert durch eine Geschichte, für meine Kollegen dankbar zu sein. Jeden Morgen sprach ich stur wider besseren Wissens mein Dankgebet. Jeden Morgen klammerte ich mich an jede Kleinigkeit für die ich danken, insbesondere wofür ich meinen Kollegen danken könnte. Manchmal fragte ich mich, ob das vernünftig sei. Doch in Ermanglung einer besseren Strategie, dankte ich einfach weiter, Tag für Tag.

Änderten sie sich oder war ich es? Keine Ahnung, Fakt ist, dass ich erlebte wie Eis schmilzt und der Sommer in den Alltag einzieht. Ich lernte meine Kollegen schätzen und fand Freunde, die mit mir nachts auf ‚La Fourvière‘ Wein tranken, mir ‚casserole‘ vorsetzten und mit mir auf der Ardèche Kajak fuhren, was ich ohne meine französischen Freunde in der von deutschen Touristen überfluteten Gegend nie gemacht hätte. Nur in der Gruppe meiner Freunde konnte meine Herkunft verschwinden. Ich durfte Teil von Frankreich bleiben. So erlebte ich wie Elodie, verwegen wie sie war, mit den Jungs vom höchsten Felsen sprang. Agnès und ich entschieden sich für ein Plateau weiter unten. Wir saßen den ganzen Tag im Kajak. Am Abend schlugen wir unsere Zelte oberhalb des Flusses auf. Verzehrten unseren Proviant, der in wasserdichten Tonnen steckte und vergaßen im Dunkel der Nacht eine zu schließen. Wir waren müde, so dass uns kein Lärm weckte. Erst am Morgen stellten wir fest, dass Wildschweine die Hälfte unseres Frühstücks verspeist hatten. Doch nichts und niemand konnte uns den Ausflug vermiesen.

Wo hatte mich mein Perspektivenwechsel hingeführt? Ohne Überredungskunst und Überzeugungsarbeit hatten die anderen mit mir die Blickrichtung gewechselt. Dankbarkeit kann viel verändern. Als erstes meinen eigenen Blick auf die Welt. Es ist ein langer Prozess sich vom Blick der anderen zu lösen. Dieser Prozess des Erwachsenwerdens, der uns erkennen lässt wer wir wirklich sind unabhängig davon wie wir im außen wahrgenommen werden. Dankbarkeit verhindert, dass ich in meinen eigenen Interpretationen des Verhaltens der anderen stecken bleibe und öffnet die Tür für Veränderung.