Zebrastreifenmuster

Schwarz-weiß, weiß-schwarz gestreift –  wohin sein Auge auch blickt, überall sieht es Streifen. Es ist noch klein das Zebrakind.

Voll Neugierde und Entdeckungsdrang, lässt es sich ein Stück weit weg von seiner Mutter treiben, dem Garant für Sicherheit. Der Steppenwind dreht, die ausgedörrten Gräser zittern und ihr Rascheln lässt leise Unruhe durch die Herde streifen. Ein Hauch von Gefahr wird spürbar. Das Kind wendet den Kopf und sucht sie. Doch überall Streifen. Plötzlich, so als ob er einen Startschuss vernommen hätte, prescht sein Onkel los und die gesamte Herde in rasantem Tempo hinterher. Panisch wendet das Kind seinen Blick und da sieht es sein Muster für Geborgenheit. – Das Streifenmuster, das ihm von Geburt an vertraut. erkennt es und rennt an ihre Seite. Beide preschen sie gemeinsam in Richtung Sicherheit, Mutter und Kind.

Schwarz-weiß, weiß- schwarz gestreift sind sie alle und doch ist jedes Muster einzigartig, wenn man genau hinschaut. Aber es gibt auch Ähnlichkeiten, vertraute Linien, deren bekannter Rhythmus Verbindung schafft.

Wie das Zebrakind erkenne ich recht schnell ein mir vertrautes Lebensmuster. Manchmal, so wie letztens am Strand, ist es nur die Frage eines Augenblicks, der mich erahnen lässt, dass hier Freundschaft möglich sein könnte. „Ihr habt doch keine Angst vor Hunden?“ fragte der Mann, der sich 5 Meter von uns entfernt mit seiner Familie, zwei kleinen Kindern und Frau, niederlassen wollte. Freundliche Augen schauten mich an, ich fühlte mich wohl und antwortete spontan: „Neeein. Ach, woher denn.“ In Wirklichkeit habe ich ziemlich große Angst vor Hunden und manchmal nahm ich schon einen Umweg in Kauf, nur um die Begegnung mit einem Hund zu vermeiden. Aber dieser Mann da, der meinte was er sagte. Dem konnte ich vertrauen. Das spürte ich. Meine Familie saß einträchtig um ein nettes Feuerchen. Wir brieten unsere mitgebrachten Würstchen, die ganz besonders lecker schmeckten und ein köstlicher Duft zog durch die Luft. „Dürften wir auch ein paar Würstchen bei euch grillen?“ fragte die noch unbekannte Frau. „Na klar“, sagte ich und bald schon plätscherte ein Gespräch zwischen uns. Der Wind fuhr durch unser Haar, während unsere Kinder gemeinsam Quallen im Meer suchten.

Ich will ehrlich sein. So idyllisch und intuitiv wie am Strand begannen meine großen, tragenden Verbindungen im Leben nicht. Dabei zeichnen sich gerade diese Verbindungen durch verblüffende Ähnlichkeit in der Ergänzung ihrer Muster aus. Ja manchmal läuft´s mir eiskalt den Rücken runter, wenn ich erkenne wie ähnlich manche Linien in unseren Leben sich abzeichnen, wie sich die Farben in ihrer Komplementarität zu großer Strahlkraft vereinen. Kurz, welch Seelenverwandte ich fand. Meine großen Freundschaften zeichnen sich dadurch aus, dass ich diese Menschen gerade bei unserer ersten Begegnung für völlig uninteressant, ja sogar als nervtötend empfand.

„Oh mein Gott, was ist das für einer,“ dachte ich beispielsweise als ich das erste Mal meinem zukünftigen Ehemann gegenüber Platz nahm. Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich den da mal heiraten würde, ich hätte ihn gefragt, ob ich in ein paar Jahren völlig den Verstand verlieren würde. Die Freundin, die meine Trauzeugin werden sollte, war unsterblich in ihn verknallt und ich konnte ehrlich nicht verstehen, was sie an ihm fand. So sollten ein paar Jährchen ins Land ziehen bis ich mich mit meinem Mann befreundete. Diese Freundschaft begann damit, dass ich eine männliche Begleitung für einen Ball suchte und da sich kein williges Opfer fand, fragte ich meinen zukünftigen Ehemann, ob er sich meiner erbarmen wolle. Schreck zeichnete sich in seinem Gesicht ab ich hörte förmlich seine Alarmglocken schrillen, weshalb ich sofort hinzufügte: „Du bist definitiv nicht mein Typ. Ich suche einfach nur jemanden zum Tanzen. Versprochen.“ „Was für ein Glück!“ antwortete er. „Ich hab schon begonnen mir Sorgen zu machen.“ Dies war die Ouvertüre zu einer wundervollen Freundschaft. Wir entdeckten Gemeinsamkeiten, verbrachten Stunden im Gespräch, tanzten bis tief in die Nacht und merkten gar nicht, dass wir anfingen zu schweben und den festen Boden der Freundschaft hinter uns ließen. Aber davon soll hier nicht die Rede sein. Hier will ich von purer Freundschaft sprechen und dem Glück eine Seelenverwandte zu finden.

Eigentlich ist die Tatsache, dass ich mit dem Mann verheiratet bin, der nebenbei mein bester Freund ist, schon ein großes Geschenk. Die Entdeckung einer seelenverwandten Freundin jedoch, ist das extra Sahnehäubchen auf der Sachertorte. Oder Schlagerobershäubchen, wie man in meiner Wahlheimat wohl zu sagen pflegt. Ähnlich wie meinem Ehemann blickte ich sie zunächst  skeptisch an. „Ui, neue Nachbarn. Das heißt wir müssen den Garten teilen. So ein Mist!“ missmutig schaute ich meinen Liebsten an. „Vielleicht sind die ja ganz nett. Vielleicht können sie Babysitten. Vielleicht mögen sie keine Gärten?“ entgegnete er, worauf ich nur erwiderte. „Vielleicht, vielleicht, wer weiß. Vielleicht nervt sie auch Kindergetrampel am frühen Morgen. Wer weiß?“

Ja, wer weiß schon was passiert, wenn der Wind dreht und Mary Poppins ins Haus geflogen kommt? Wir, zwei wir fanden uns in den Kleinigkeiten des Alltags. So ist es bis heute geblieben.

Gerne würde ich von großartigen Reisen und wilden Abenteuern berichten, die meine Seelenschwester und ich gemeinsam erlebten.  Derweil sind Kaffeekanne und zwei Tassen die besten Symbole für unserer Freundschaft. So auf alle Fälle begann unsere gemeinsame Reise in die Tiefen des Lebens, bis zum Mittelpunkt der Welt, unserer Welt, würde ich sagen. Eine dampfende Kaffeetasse in der Hand und Morgensonne im Gesicht, saßen wir auf ihrem Sofa.  Immer wenn ich die zwei Ältesten in den Kindergarten gebracht hatte und mit dem Jüngsten im Kinderwagen den Weg nach Hause antrat, hoffte ich, dass sie Spätdienst hatte. Dann nämlich, immer dann war Zeit für einen kleinen Kaffee. Das waren unsere kostbaren Momente.

Heute leben wir nicht mehr unter einem Dach. Und trotzdem treffen wir uns am liebsten in den Kleinigkeiten des Alltags. „Beim wurschteln“, wie sie sagt. Vielleicht ist es gerade diese Einfachheit, die die außergewöhnliche Qualität unserer Verbindung ermöglicht und natürlich der gute Kaffee.  Letztendlich jedoch sind es unsere Zebrastreifen, die uns lange verborgen waren, die die Verbindung schaffen und uns die abenteuerliche Reise ins Innere unserer Welt erlauben.

Wem sein Muster bekannt ist, der kann es verändern, neu färben und auch flicken. Am besten geht das gemeinsam mit dem Liebsten und einer Seelenschwester. Wer so ein Glück hat wie ich, ist wie ein Zebrakind, das im Augenblick der Gefahr sein Muster zu erkennen vermag und fort galoppiert Richtung Sicherheit. Diese Sicherheit, die es uns ermöglicht ins Abenteuer und in die Weite zu gehen. Unbekannte Welten zu erforschen und unsere Lebensgeschichte mit den schönsten Farben zu färben.

Photo von sutirta budiman