Wie sag ich’s meinem Kinde …?

Genau das ist die hohe Kunst: Einem Menschen die eigenen Gedanken mitzuteilen, eine Verbindung herzustellen, die Entwicklung und Leben schafft. Worte zu sprechen, die gehört werden können und ankommen. Ab und zu falle ich wirklich aus allen Wolken, wenn ich, meist durch Zufall, feststelle, dass mein Gegenüber etwas komplett anderes hörte, als das, was ich ihm sagen möchte. Wir alle haben im metaphorischen Sinne gesprochen wohl ab und zu einen Gehörschaden oder Sprachfehler. Umso mehr Störgeräusche es in einer Verbindung gibt, umso mehr Konflikte. Gerade im Zusammenleben und -arbeiten mit Kindern ist es wichtig, dass wir als Erwachsene die Verantwortung für die Beseitigung solcher Störungsquellen übernehmen. Leicht kann es passieren, die Ursache von Konflikten in Faulheit, mangelnder Mitarbeit oder Desinteresse der Kinder zu suchen. Wenn wir, die Erwachsenen, unseren Anteil am Konflikt übersehen, sind Stagnation und Frust die Folge. Bleiben wir im Prozess, so gehören Konflikte zum Leben, doch wir gehen alle gemeinsam weiter.

Gerade beim Homeschoolen ist es wichtig, dass wir als Eltern diese Verantwortung übernehmen. Das mag beängstigend klingen, doch sehe ich gerade darin die große Chance und auch die Schönheit beim Homeschoolen. Denn gutes Homeschooling fördert das Gespräch zwischen Eltern und Kindern, schafft starke Verbindungen fürs Leben. Bildung entsteht durch Beziehung und Beziehung durch Verbindung. Die Suche und das Mühen Störungen in der Kommunikation zu beheben ist also Basis für Bildung und Beziehung. Natürlich entscheidet die Qualität der Kommunikation immer darüber, ob Eltern ihre Kinder gut durchs Leben begleiten können – egal ob Homeschooler oder nicht. Wer sein Kind in die Schule und den Hort schickt, der kann vielleicht längere Zeit ungestraft Störgeräusche in der Kommunikation übergehen. Beim Homeschooling verbringen Eltern naturgemäß überdurchschnittlich viel Zeit mit ihren Kindern. Außerdem haben wir die Aufgabe übernommen unseren Kindern Wissen zu vermitteln und sie auf die Externistenprüfung vorzubereiten. Wer homeschoolt, der wird sehr rasch an seine Grenzen kommen, wenn er unklar oder zu wenig mit seinen Kindern kommuniziert.

Zwischen mir und meinem Homeschoolkind, dem Mittleren, entstand letztens aufgrund meiner mangelnden Kommunikation folgender Konflikt: Seit Juni beglücke ich meinen Ältesten und auch ihn mit den Jicki Sprachduschen, denn mir ist es sehr wichtig, dass alle Kinder bald und möglichst einfach Englisch lernen. Die alptraumhaften Probleme meines Ältesten mit dieser Sprache, der immense Aufwand, den ich betreiben muss, damit wir in der Schule überleben, führen dazu, dass ich wild entschlossen bin, weitere Probleme diesbezüglich im Keim zu ersticken. Deshalb müssen jetzt alle meine Kinder Englisch lernen. Mein Mittlerer hat anfangs brav mitgemacht. Mit der Zeit wurde es ihm zu mühsam und er wollte partout nicht einsehen, weshalb auch er Englisch lernen sollte. Das wird ja nicht mal in der Externistenprüfung verlangt. Rebellion und schiefer Haussegen waren die Folge. Bis ich begriff, dass ich mir nie die Mühe gemacht hatte, ihm zu erklären, weshalb diese Jicki Sprachduschen für ihn jetzt so wichtig sind. Ihm war logischer Weise unklar, dass er sich damit zukünftig sein Leben erleichtern würde. Mein Homeschoolkind ist eben älter geworden und wollte das „Warum“ begreifen. Immer öfter zeigt sich die Notwendigkeit, Gründe zu erklären und zu diskutieren. Um ehrlich zu sein, hält sich seine Begeisterung auch nach unserem Gespräch, was die Englischlernerei betrifft, in Grenzen. Denn, ob es ihm gefällt oder nicht, ich will, dass er Englisch lernt. Doch jetzt macht er wieder mit und ist dabei. Das ist die zusätzliche Herausforderung mit Kindern, dass sich die Art der Kommunikation je nach Alter unterschiedlich gestaltet. Kinder werden älter und plötzlich passt die Art der Kommunikation nicht mehr. Wie man das merkt? Meistens ganz von selbst. Eigentlich kann ich immer, wenn es langanhaltende Konflikte gibt, davon ausgehen, dass es irgendwo in der Kommunikation hackt. Natürlich hätte ich mir auch sagen, können, dass mein Sohn faul und unwillig ist mir zu folgen. Es ist ein Prozess der Achtsamkeit, des Scheiterns und Gewinnens herauszufinden, wie wir uns verstehen können. Ob dieser Prozess funktioniert, hängt vor allem von mir, der Erwachsenen ab. Bin ich lernfähig und offen mir Versäumnisse oder Unachtsamkeit einzugestehen? Bin ich bereit mich zu verändern? Es nützt nichts die Verantwortung bei meinen Kindern zu suchen. Denn ich bin es, die sie tragen und übernehmen soll. Homeschooling ist Auseinandersetzung mit den Kindern. Wahrscheinlich bin ich selbst diejenige, die am meisten dabei lernt.

An unserem ersten Schultag habe ich dann wirklich meine Hausaufgaben gemacht und ihm unser neues Lernkonzept erklärt. Gemeinsam trugen wir auf einem abwischbaren Kalender die Themenblöcke dieses Jahres ein. Zuerst war er enttäuscht, dass wir uns die Themen nicht mehr so frei wie im Jahr davor wählen werden. Er verstand aber sehr gut, dass wir uns an die gängigen Themen halten müssen, um optimal auf die Externistenprüfung vorbereitet zu sein. Wir sprachen darüber, dass in jedem Thema interessante und spannende Aspekte versteckt sind. Dabei poppte die Idee auf, dass er mir ja sagen kann, welche Bereiche ihn besonders interessieren. So vereinbarten wir miteinander , dass er zu Beginn eines jeden Themenblocks aufschreiben wird, was ihn am meisten interessiert. Ich habe ihm versprochen, diese Themen, in meinem Unterricht zu berücksichtigen. Dieses Jahr beginnen wir mit dem Themenblock ‚Wetter und Klima‘. In den kommenden vier Wochen werden wir ‚Gretas Geschichte: Du bist nie zu klein um etwas zu bewirken.‘ von Valentina Camerini, nach der Charlotte Mason Methode lesen. Mir ist es wichtig, dass wir gemeinsam mehr über den Klimawandel lernen. Meinen Sohn interessiert es, mehr über Tornados und Schneestürme zu erfahren. Gut, dass wir miteinander gesprochen haben, denn ich habe schon viele Ideen, wie wir diese Themen miteinander verbinden können. Ich habe ihm auch erklärt, das wir unseren Lernalltag etwas umgestalten werden, damit wir mehr Raum für Sachkunde und Werken gewinnen. Ich habe mich gefreut, wie begeistert er von meiner Idee ist und gemerkt, dass er sich in seinen Bedürfnissen und Wünschen wahrgenommen fühlt. Seit wir miteinander gesprochen haben, weiß er genau, was auf ihn zukommt. Er kennt sich aus und das wiederum gibt ihm Sicherheit.

Wie so oft gibt es kein einfaches Rezept im Miteinander. Oftmals sehne ich mich danach. Es kam mir lange Zeit platt vor, wenn es in der Bibel heißt, die Liebe erträgt alles und hält alles aus. Denn so einfach ist es; Wenn wir wirklich lieben, finden wir einen Weg miteinander, selbst wenn er herausfordernd ist. In Wirklichkeit ist Liebe immer konkret. Es sind meine Kinder, die mich lehren, dass gelebte Liebe keine Platitüde ist. Ich habe mit meinen Kindern viele meiner Grenzen ausgelotet. Alleine wenn ich an Geburten, durchwachte Nächte und ja auch Homeschoolen denke, dann weiß ich, das die Bibel recht hat, wenn sie sagt ohne die Liebe wären alle Gaben Windhauch (1 Korinther 13). Denn letztendlich: Love is all you need.

Mein Homeschoolkind notiert seine Ideen und Wünsche auf dem Kalender in den wir die Themenblöcke gemeinsam eingetragen haben. Dampflok, Zug, Türme, Ritter lauten die ersten Wünsche, Dampflok passt zu Erfinder, die die Welt verändern. Ritter, wirklich kein Problem. Die werde ich beim Themenblock ‚Im Laufe der Zeit‘ bearbeiten. Naja, wo ich die Türme unterbringe, weiß ich noch nicht. Obwohl … der Eiffelturm, als Wunderwerk der Stahlkonstruktion … Stahl und Linz …. voestalpine… da wäre dann der Link zu Oberösterreich und der Industrie in der Heimatregion … geht doch. Ich werde schon was finden.
Unsere Pinnwand hängt über der Garderobe, leicht sichtbar und wartet auf Ergänzungen. Auch wenn man’s auf dem Photo nicht gut sieht, hier sind alle Themenblöcke eingetragen.

Titelphoto by Oleg Laptev on Unsplash