We are the champions!

Ferien! Endlich Ferien!

Wohlverdient liege ich in meiner Hängematte und lasse mir bei geschlossenen Augen die Sonne ins Gesicht scheinen. Über mir im Himmel tuscheln die Bäume mit ihren grünen Blättern. Ein Gefühl von Leichtigkeit und Unbeschwertheit schleicht sich allmählich in mein Bewusstsein. Wir haben es geschafft!

„Hab ich es wirklich geschafft?“ fragt mich mein Sohn und reißt mich aus meinen Träumen. „Ich meine, vielleicht hat mich die eine durchfallen lassen? Du weißt schon, die, die so streng geguckt hat.“ Angstvolle Augen blicken mich fragend an. Und plötzlich poppt wie eine dunkle Wolke mitten im Sonnenschein eine Szene vom gestrigen Tag in mir auf. Ich sehe mich mit meinem 9 jährigen Sohn voller Anspannung im Schulhaus vor dem Klassenzimmer einer 2. Klasse Volksschule sitzen, darauf wartend, dass die Lehrerin, die ihn bei seiner Externistenprüfung prüfen wird, kommt. Wie jedes Mal ist es ein spannender Moment, denn wie bei jeder Prüfung ist uns die Lehrerin unbekannt. Diese Frau, der wir heute begegnen dürfen, begrüßt uns durch und durch professionell, aalglatt. Sachlich, kurz und bündig begegnet sie uns in ihrem schicken, schlichten Kleid. Sie erinnert mich an einen Finanzberater bei der Sparkasse, der vorhat mit mir über meinen Kredit zu sprechen. Sie ist weder böse, noch ist sie nett. Wie bei jeder dieser Prüfungen, die ich bisher erlebt habe, muss ich den Raum verlassen, meinen Sohn einer unbekannten Person überlassen und aufgrund von Corona sogar das Schulgebäude. Ich versuche krampfhaft darauf zu vertrauen, dass diese Fremde gut und achtsam mit mir und meinem Sohn umgehen wird. Hoffe inständig, dass diese Fremde irgendwie bemerkt, welche Leistung mein Sohn da gerade bei ihr in dem ihm fremden Gebäude vollbringen wird. Ich muss meinen Sohn ver-, über- und loslassen. Weiß sie das?

Fast 1,5 Stunden prüft sie meinen Sohn schriftlich auf Herz und Nieren. Ohne Pause – so empfand er die Zeit auf alle Fälle im Nachhinein -und ich konnte es kaum glauben. Als sich die Tür zum Prüfungsraum öffnet, frage ich sofort: „Und wie wars?“ Mit angestrengt, nervösem Lächeln blicke ich der Prüferin ins Gesicht und hoffe begierig auf eine ermutigende Antwort. Sie antwortet mir sachlich, kühl und professionell: „Ich kann jetzt wirklich noch nichts sagen. Lücken hat er auf alle Fälle.“ Mein kleiner Sohn hört das alles. Inständig hoffe ich, dass dieser Satz an ihm vorbeigegangen ist, denn er schweigt. Als wir aus dem Gebäude draußen sind, erklärt er mir klar und bestimmt, dass er jetzt erschöpft ist und da sicher nicht mehr hingeht.

Mir wird kalt ums Herz und es rutscht in meine Hose, wo es die nächsten 2 Stunden verharren wird.

Für die kommenden 20 Minuten jedoch reiß ich mich zusammen, packe meine Zuversicht aus und schiebe die Gewitterwolken zur Seite. Denn das ist sein Boxenstopp. Jetzt heißt es Energie tanken. Wie jede gute Trainerin baue ich ihn auf, damit er wieder fit ist. Ich massiere ihn, zettle ein lustiges Wettrennen an, das er natürlich gewinnt, sage ihm wie toll er ist und wie lieb ich ihn habe, nehme ihn in den Arm und nötige ihn dazu etwas zu essen. Da wird auch schon die nächste Runde eingeläutet. Show must go on!

Diesmal begrüßen uns gleich zwei Lehrerinnen. Beide sind uns fremd. Wir haben sie noch nie vorher gesehen.

Mein Sohn ruft, gepusht von der wieder errungenen Zuversicht: „Ich zeig euch jetzt alles, was ich gemacht habe!“ „Na, erstmal machen wir was anderes,“ wiggelt die eine ab und mit bangem Herzen überlasse ich meinen Sohn schon wieder fremden Personen.

Draußen überfällt mich diesmal Wut. Einer Tigerin im Käfig gleich, beginne ich im Schulhof Warteschleifen zu drehen. Einsam führe ich Selbstgespräche – im Kopf versteht sich: „Würde ich wahllos 3 Kinder aus der 2. Klasse Volksschule dieser Lehrerinnen herauspicken und 3 Stunden auf den gesamten Jahresstoff prüfen, wie würden ihre Kinder wohl abschneiden? Das frage ich mich. Noch dazu in Zeiten wie diesen? Ach ich weiß schon: Die echten Homeschooler hatten gar keinen Lock Down, sondern Business as usual! Naiv, wie kann man nur so naiv sein?“ Meine Wut steigert sich noch so richtig als ich an einen Artikel über das Homeschooling von FM4, welcher im März veröffentlicht wurde, denke. Eine Professorin für psychologische Bildungs- und Transferforschung an der Uni Wien, fordert in diesem Artikel strengere Regeln für den häuslichen Unterricht. Ihrer Meinung nach gibt es nur wenige Fälle, in denen der häusliche Unterricht gerechtfertigt sei. Kennt sie viele Homeschooler? Weiß sie tatsächlich um die Situation in der sich Kinder mit Lernschwäche, ADHS, mit Diagnose aus dem Autismusspektrum usw. befinden? Weiß sie wie wenig Ressourcen Lehrern im Schulsystem zur Verfügung stehen? Ist sie jemals in einer Schulklasse gestanden und haz sich der Herausforderung stellen müssen einem Legastheniker die Rechtschreibung näher zu bringen? In der Theorie hört sich vieles schlüssig an, was in der Realität ganz anders ausschaut. 2-4% aller Kinder leiden an Legasthenie und ich weiß aus eigener Erfahrung um die großen Herausforderungen, die diese Kinder und ihre Eltern im Schulsystem haben. Zirka 0,2% aller schulpflichtigen Kinder in Österreich werden daheim unterrichtet. Erst letztens habe ich mit Freunden festgestellt, dass sich in jeder Homeschoolfamilie mindestens ein Legastheniker befindet. Ist das Zufall liebe Frau Professor?

Ich unterrichte mein Kind daheim, weil im gängigen Schulsystem kein Platz ist. Die meisten, die ich in Homeschoolkreisen kenne, und das ist eine große Gruppe, unterrichtet ihre Kinder aus ähnlichen Gründen zu Hause. Wie viele Homeschooler kennen Sie, Frau Professor? Haben Sie wirklich die Beweggründe dieser Familien erforscht? Legastheniker, ADHS oder Asperger, Kinder mit Dyskalkulie und wie sie alle genannt werden: Sie alle leiden massiv am System.

Meine Wut flaut etwas ab, denn ich weiß wie viele Lehrer unter den mangelnden Möglichkeiten leiden solche Kinder gut zu unterrichten. Es werden nur wenige Ressourcen vom Staat zur Verfügung gestellt. Und doch fühle ich mich bei jeder Externistenprüfung bestraft. Bestraft für meinen Einsatz für meine Kinder, denn in Wirklichkeit muss mein Sohn in dieser Prüfung mehr leisten als irgendein anderer Zweitklässerler, der sich im Regelschulsystem befindet. Zudem lese ich mir ab und zu solche Artikel durch, in denen Menschen, die weitab von der Schulrealität forschen, mir einen Stempel aufdrücken. Dabei hege ich häufig den Verdacht, dass sich diese Menschen nur lapidar und oberflächlich mit Homeschoolern auseinandersetzen. Wissen diese Menschen, was sie Kindern und Eltern mit solchen Aussagen antun, die versuchen auf Grund eines massiven Leidensdrucks Wege außerhalb des Systems zu finden?

Was für ein Glück, dass die Wartezeit genau in dem Moment vorbei ist. Ich verabschiede mich von meinen Gedankenspielen und setze mich voller Anspannung vor den Prüfungsraum.

Und ich warte und warte und warte – genau 30 Mintuen länger als ausgemacht. Dann endlich geht die Tür auf und ein glückliches Kind begrüßt mich. Er umarmt mich mit Strahlen in den Auge und eine Welle der Erleichterung erfasst mich. Diese beiden fremden Lehrerinnen scheinen sich kindgerecht mit meinem Sohn auseinandergesetzt zu haben. Dankbarkeit überkommt mich. „Mathe kann er sehr gut,“ sagte die eine. „Beim Schreiben hätte ich noch ein paar Ideen wie ihr noch besser Lernen könnt“, meinte die Andere. Interessiert wende ich mich ihr zu und wir beginnen ein Fachgespräch, das meinem Sohn schnell zu lang wurde. „Er hat sich ja wirklich Sorgen gemacht, ob er bestanden hat.“ sagt die eine Prüferin am Ende unseres Gesprächs. „Und wie schaut’s aus?“ frage ich. „Natürlich hat er bestanden!“ meint sie mit Unglauben in der Stimme ob meiner Frage. „Ja, no na ned hat er sich Sorgen gemacht,“ denke ich und stelle mal wieder fest, dass kaum jemand erahnt welche Gefühlswelten Eltern und Kinder bei dem Absolvieren einer Externistenprüfung durchleben.

„Und habe ich es jetzt geschafft?“ Mein Sohn holt mich mit seiner Frage wieder in die Ferien zurück. Ich schaue ihn aus meiner Hängematte heraus an und sage“ Ja, no na ned hast du’s geschafft! Was sonst? Du bist doch mein Champion!“ Die Sonne strahlt und gemeinsam verscheuchen wir die schwarzen Wolken und ich höre wieder die Bäume tuscheln. Wir beschließen einen Kuchen für den Hort zu backen. Mein Sohn will mit seinen Freunden dort die bestandene Prüfung feiern. Zaghaft schleicht sich wieder die Freude in mein Herz und Leichtigkeit macht sich breit.

Wir haben es geschafft! Beide.

Titelphoto by gustavo Campos on Unsplash

Nachtrag: Heute haben wir das Zeugnis bekommen und somit kann ich meinen Beitrag veröffentlich. Vorher würde sich das kein Homeschooler trauen. Ich spare mir die Erklärung, warum das so ist. Wir haben unser Zeugnis bekommen. Wir haben es geschafft und dürfen weiterhin daheim unterrichten. Doch die Noten sind eine Beleidigung für seine und auch meine Leistung. Das Leben ist hart und Schule ist der personifizierte Ernst des Lebens. Heute nützt mir auch meine „Wir haben es geschafft“- Tasse nichts. Heute hilft nur Gin ’n Tonic.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code