Vom Hirn und einem Perspektivenwechsel

Bei uns am ‘Stillen Örtchen‘ stapeln sich die Zeitschriften. Neulich wurde ich an diesem Ort wieder einmal fündig.  Spurensuche – meine Unterrichtsmethode kann man immer und überall anwenden. An diesem Ort der Zurückgezogenheit und Ruhe, las ich einen Artikel von André Frank Zimpel, einem Fachexperten für „Lernen und Entwicklung“.http://www.lern-schwierigkeiten.de/

Bilderlebnis sei für Literalität genauso wichtig wie Buchstabenerkenntnis, meint er. Bei Bildern können wir länger verweilen als beim gesprochenen Wort. Wer Comics oder Wimmelgeschichten liest, ist in der Lage einen Perspektivenwechsel vorzunehmen. Mit Perspektivenwechsel ist die Fähigkeit gemeint sich in einen anderen Menschen hineinversetzen zu können. Dieser Perspektivenwechsel ist natürlich auch im geschriebenen Wort erlebbar. Mit Bildern ist dieser Schritt jedoch für meine Kinder und viele andere, einfacher zu vollziehen. Dieser Entwicklungsschritt ist wesentlich im sozialen Lernen und fördert die Weiterentwicklung des vorderen Stirnlappens. Asterix und Co locken in fremde Welten und tragen ganz nebenbei zur Weiterentwicklung wichtiger Hirnregionen bei. Was für ein Glück, dass meine Kinder geradezu besessen von Donald Duck sind. Das Lässige daran, beim Comiclesen entwickeln sie ihre Hirnregionen ohne, dass ich viel dazu beitragen müsste.

Zimpel überprüft anhand von Bildgeschichten den Entwicklungsstand von Kindern. Ich stelle fest, dass mein Mittlerer durch regelmäßiges Geschichtenschreiben mit Postkarten Fortschritte beim Aufsatz schreiben macht. Immer besser und flüssiger fließen seine Ideen und sein Text. Bevor mein Sohn mit dem Schreiben loslegt, besprechen wir gemeinsam das jeweilige Bild.

Zimpel ermittelt anhand von Fragen den Entwicklungsstand von Kindern. Ich freute mich wie eine Schneekönigin, als ich feststellte, dass Zimpel ganz ähnliche Fragen stellt wie ich mit meinen Postkarten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Fähigkeit gute Aufsätze zu schreiben effizient gefördert werden kann, wenn man folgende Fragen Zimpels mit meiner Postkartentechnik kombiniert:

  • Was tun die Personen auf den Bildern? Was ist ihnen passiert? Was haben sie nicht gemerkt? Einfache Perspektivübernahme
  • Was denkt Person A wie es Person B geht? Subjektive Perspektivübernahme
  • Was werden die Personen denken, wie es anderen geht, sobald sie von dieser Geschichte erfahren?  Werden es die anderen verstehen? Wieso glauben sie das? Selbstreflexive Perspektivübernahme
  • Was glauben die Personen, täten die meisten Menschen in ihrer Situation? Nach welchen Regeln könnte man sich
  • in einer solchen Situation verhalten? Verallgemeinerte Perspektivübernahme

Erst wenn gewisse Regionen im kindlichen Gehirn entwickelt sind, ist ein Kind in der Lage Zimpels Fragen zu beantworten.  Ich denke mir, dass ich durch regelmäßiges gemeinsames Reden über Bilder diese Fähigkeiten fördern kann.

Wer diese Fragen in Kombination mit Bildern im Unterricht anwendet, sollte jedoch bedenken, dass jeder Mensch unterschiedlich schnell wächst. Nur wessen Hirn dementsprechend gereift ist, kann die Fragen beantworten. Pflanzen wachsen nicht schneller, wenn man an ihnen zieht. Wenn ein Kind diese Fragen noch nicht beantworten kann, dann braucht dieses Kind eben noch etwas Zeit, damit sein Hirn wachsen kann. Druck ist gerade hier, aber eigentlich sowieso immer, völlig fehl am Platz. Wer Druck ausübt, bewirkt das Gegenteil von dem was er anstrebt. Übe ich Druck aus, verschließen sich meine Kinder und Frustration stellt sich in jeglicher Hinsicht ein. Im Gespräch mit meinem Mittleren versuche ich mich behutsam an den Perspektivenwechsel heranzutasten.  

Der Perspektivenwechsel jedoch, der als allererstes stattfinden muss, liegt wie immer zunächst bei mir. Nur wer die Perspektive seines Kindes einzunehmen vermag, kann im Gespräch behutsam mit seinem Kind vorwärtsgehen. Das ist gar nicht so einfach, denn oft sind wir vom Effizienzgedanken beseelt und halten es nicht aus, wenn Prozesse Zeit brauchen.  Manchmal scheitere ich diesbezüglich auch am Lehrplan, der rigide ein bestimmtes Können zu einem gewissen Zeitpunkt einfordert.

Heute lasse ich mich von Zimpel inspirieren. Immer wieder stelle ich fest, dass ich genau das Richtige tue, wenn ich auf Spurensuche gehe. Ich freue mich, wenn mir die Forschung zeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.