Sprachlos

Mir kommt es vor als wäre ich in die großen Tiefen des Ozeans getaucht und hätte dort neue Schätze entdeckt. Zuerst war alles dunkel. Die Zeit stand still, als mein Vater mir am Telefon sagte. „Sie ist tot.“ Noch immer fehlen mir die Worte, noch immer wehrt sich mein Verstand zu begreifen, dass nun alles anders ist.

Gemeinsam ist das Dunkel lichter als alleine. Ich fuhr sofort zu ihm. Hand in Hand tauchten wir durch Strudel, Wirbel, durchquerten Untiefen. Wir waren das beste Team ever und mein Herz füllte sich mit Freude mitten im Schmerz. Ich entdeckte die unglaubliche Stärke meines Vaters im Auge des Sturms und Stolz erfüllte mich als ich die wahre Schönheit meiner Mutter erahnen konnte, welche erst im Tod zu leuchten begann. Als wir nach den Sternen griffen und sie erhaschten, blickte mein Vater mich an und sah mich neu. Wir erlebten wie Unmögliches möglich wurde und waren gewiss, dass meine Mutter ihre Hand im Spiel hatte. Zu unbegreiflich ist mein Erleben als das ich es in Worte fassen könnte. Schwarzer Abgrund und lichte Höhe eng verwoben. Nun muss ich mein Inneres neu sortieren und ausrichten. Kläglich scheitern alle Versuche diese Geschichte in Worte zu kleiden. Unfassbar ist was passierte.

Vielleicht irgendwann … vielleicht kann ich irgendwann die Geschichte vom Kammerflimmern meiner Mutter und der Notärztin, die sich selbst widersprach und dabei unsagbares Unheil anrichtete, erzählen. Vielleicht wird es mir möglich, irgendwann möglich sein vom kalten Bestatter, der sein Herz an die Bürokratie verlor und einem warmherzigen Kripobeamten zu erzählen. Von den mutigen Menschen, die uns halfen in einer Zeit, die wir Coronakrise nennen. Davon wie meine Mutter wieder nach Hause kam, weil wir ungewöhnliche Wege beschritten, die in ungewöhnlichen Zeiten notwendig werden. Wie sie uns über ihren Tod hinaus mit Lammbraten und Gugglhupf versorgte und, dass uns das Essen wirklich gut schmeckte. Oder von meiner Fahrt mitten durch die Nacht über eine Grenze, die auch für mich hätte geschlossen sein können. Was mein Vater und ich in der letzten Nacht mit meiner Mama erlebten und das nun nichts mehr ist wie es war. Wie wir mit meinem Bruder Rotwein am Sarg tranken und einen 48. Hochzeitstag begingen. Dass dann 600 Menschen aus aller Welt am Requiem teilnahmen und wie das Wellen schlug. Dass das Unmögliche in vielerlei Hinsicht möglich wurde und wir begriffen:

Der Tod ist nicht das Ende.

Photo by Cristian Palmer on Unsplash

4 Kommentare zu „Sprachlos“

  1. Wir denken viel an Euch! Und beten für Deine Mutter, Deinen Vater, Dich und Eure Familien!
    Das Bild Deiner Mutter steht noch immer neben unserer Marienikone.
    Sie wird uns fehlen im nächsten Sommer…

    Heftig, was Ihr durchmachen mußtet.
    Seid umarmt!

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