Muas ma nix Tage

Zumindest in Oberösterreich befinden wir uns gerade noch mitten in den „muas ma nix“- Tagen, wobei bedauerlicher Weise die Halbzeit schon überschritten wurde. Meine innere Uhr tickt, ich werde unruhig und werde mich deshalb in den nächsten Tagen an die Homeschool – Jahresplanung meines Mittleren ranmachen, die Schulsachen für die beiden anderen kaufen und überhaupt allmählich wieder in die Gänge kommen. In meinem Herzen färben sich allmählich die Blätter. „Muas ma nix“ geht zumindest für mich allmählich zur Neige.

Deshalb war schon damals als ich noch zur Schule ging, der letzte Schultag, der schönste Tag der ganzen Ferien. Der Tag, an dem ich meine Habseligkeiten aus dem Gaderobenspint raffte, in meine Schultasche und diverse Tüten stopfte und glücklich zum Schulbus rannte. Frei wie die Luft fühlte ich mich, obwohl der Bus zum Bersten voll war. Dicht gedrängt, wurden wir wie Sardinien hineingepresst. Nur die Glücklichen konnten einen Sitzplatz ergattern. Meistens stand ich gequetscht an irgendeine Mitschülerin und atmete ihren Schweißgeruch ein. Furchtbar!

Dennoch wurde mein Bauch, oder war es das Herz? beim Verlassen des Schulgebäudes von einer Woge der Glückseligkeit erfasst. Dieser Moment fühlte sich an wie ein Kopfsprung in kühles Nass. Das erste Eintauchen in die Ferienzeit erfrischte meinen Geist wie kühles Wasser, das auf meinem erhitzten Körper ein prickelndes Gefühl hinterlässt. Was für ein berauschender Augenblick! Vergleichbar mit dem Moment, wenn ich ein spannendes Buch aufschlage und die Geschichte in ihrer vollen Länge vor mir liegt. Nur an einem solchen Tag lässt sich die Intensität von Leichtigkeit in ihrer Fülle spüren. Das ist heute noch so. Seit ein paar Jahren erlebe ich sie wieder aus der Ferne diese Verheißung der letzten Schultage. Wenn meine Kinder mit dem Zeugnis in der Hand nach Hause kommen, kann ich noch ein leichtes Echo prickelnder Frische auf meiner Haut fühlen. Wenn mein Mittlerer und ich die Externistenprüfung erfolgreich bestanden haben, spüre ich die Euphorie sogar fast wie früher.

Damals an meinen letzten Schultagen jedenfalls schien ausnahmslos die Sonne. Es war immer sengend heiß und trotz all der Hitze marschierte ich beschwingt mit dem Zeugnis in der Hand nach Hause. In der heißen Sommerzeit ließ meine Mutter die Rollläden herunter. Die Wohnung war kühl, frisch und dunkel. Das komplette Gegenteil vom Außen. Bei Glühbirnenlicht verspeisten meine Mutter, mein Bruder und ich am helllichten, letzten Schultag unsere Leibspeise. Die gab es nämlich immer am Zeugnistag, egal was für Noten wir heimbrachten. Meine Mutter fand, der letzte Schultag sei immer ein Freudentag. „Meine Kinder sollen keine Angst haben, wenn sie nach Hause kommen,“ hörte ich sie einmal im Gespräch mit einer Freundin sagen. Jedes Mal gab es deshalb Gratin Dauphinoise und zum Nachtisch Königsrolle.

Heute, da wir die Halbzeit der Ferien knapp überschritten haben, beginne ich schon wieder zu Werkeln, zu Organisieren und verspüre einen Hauch von Wehmut. Eigentlich wollte ich heute einen Blogbeitrag über meine geniale ‚Ich achte auf mich selbst Planung‘ schreiben. Nämlich davon, dass ich vorhatte die Ferien bis zum Ende voll auszukosten. Ich plante ernsthaft, mir jeden Tag einen ‚Muas ma nix‘ Moment zu gönnen und dann hier über meinen Erfolg zu berichten. Heute, so war mein Plan, wäre ich um 7 Uhr frühs im Bad nebenan Schwimmen gegangen. Nur ich und das Wasser, Ruhe und prickelnde Frische auf meiner Haut, hätte ich genossen. Die Kinder hätten bei meiner Rückkehr um 7 Uhr 45 noch friedlich geschlafen. Deshalb hätte ich noch 15 Minuten lang, alleine auf der Terrasse einen Kaffee getrunken. Mit diesem Blogbeitrag hätte ich alle Menschen ermuntern wollen sich Zeit für sich selbst zu nehmen und darüber philosophiert wie wichtig das gerade für Mütter ist.

Tja, und dann wurde mein Ältester in der Nacht von höllischen Ohrenschmerzen geplagt. Gemeinsam schlugen wir uns die Nacht um die Ohren. Standen später auf als geplant und verbrachten den kompletten Vormittag beim Arzt. Das, meine Lieben, ist häufig die Realität meiner gelebten Selbstfürsorge. Das ist mein echtes Leben. Doch morgen, das weiß ich sicher, da wird alles anders. Da werde ich mir einen ‚muas ma nix‘ Moment freischaufeln. Und ab und zu funktioniert sie meine Selbstfürsorge.

Photo by Adam Eperjesi on Unsplash