Mathe und die Sache mit den Textaufgaben

Manchmal ist es zum Haare ausreißen: Mein Mittlerer rechnet vorbildlich das kleinen Einmaleins. Er versteht auch tatsächlich, was er da tut, denn wir multiplizieren nicht nur auf dem Zettel. Nein, wir machen das in echt mit Bügelperlen (nächste Woche kommt ein Beitrag zu dieser Methode), Kastanien, den unterschiedlichsten Materialien eben, durch die man Multiplikation im wahrsten Sinne des Wortes begreift. Auch Division, Subtraktion und Addition begreifen alle meine Kinder auch mit den Händen. Ich verstehe also nicht, was er nicht versteht.

Warum fällt es meinem Kind so schwer Sachaufgaben zu lösen?

Kennt ihr das Gefühl, wenn man dasteht, wie der Ochs vorm Berg und nicht mehr weiß, wie zum Kuckuck, man dem Kind den Knoten im Hirn auflösen kann? Ich denke an einen meiner Blogbeiträge, den ich über meine Unterrichtsmethode schrieb. Ja, hier ist Spurensuche gefragt und wie Sherlock Holmes begebe ich mich also auf die Suche nach der Ursache des Problems.

Die Lösung liegt in einer Reduktion der Informationsfülle

Meine Söhnen kämpfen beide mit ihrer Konzentration, aus unterschiedlichen Gründen. Kinder mit ADHS, Legasthenie oder anderen Teilleistungsschwächen haben Probleme sich länger zu konzentrieren. Sie schweifen oft schon mitten in einem Wort ab. Die Fülle an Informationen in einer Sachaufgabe an sich, aber auch die verschiedenen Rechenschritte und Überlegungen, die eine Sachaufgabe mit sich bringt, überfordern solche Kinder oft.  Um eine Sachaufgabe lösen zu können, müsste das Kind in der Lage sein sich selbst zu strukturieren. Das ist ein solches Kind aber nicht und deshalb geht es erst einmal darum gemeinsam zu lernen welche Schritte bei einer Sachaufgabe zu gehen sind: Text lesen, relevante Informationen rausfiltern, Rechenweg erkennen, rechnen, Lösung finden und in einem Antwortsatz formulieren.

Also, nehme ich meinen Sohn an der Hand und wir marschieren gemeinsam los. Gemeinsam standen wir dann erstmal wie zwei Ochsen vor dem verschlossenen Tor. Ich habe meinen Sohn dabei beobachtet und festgestellt, dass die größte Herausforderung darin liegt, den Rechenweg zu finden und auszuformulieren. Er will sofort die Lösung herausposaunen, schafft es nicht seine Aufgabe zu portionieren. Das scheint mir einer der grundlegenden Probleme zu sein. Nach langem Unverständnis meinerseits dämmert mir allmählich, dass mein Sohn den Eindruck hat vor einem unüberwindbaren Berg zu stehen. Lesen, Informationen sortieren, Rechenweg finden, rechnen, schreiben. Bei so viel Anforderung in nur einer Aufgabe explodiert sein armes Hirn und eine Welle von Mitleid überflutet mich. Wie also kann ich meinen Sohn dazu bringen sich zunächst einmal nur auf den Rechenweg zu konzentrieren? Wie könne wir zwei Ochsen das Scheunentor öffnen und gemeinsam hindurch gehen? Mir fällt ein, dass mein ältester Sohn vor genau der gleichen Herausforderung stand. Er schrieb oftmals nur das Ergebnis hin, ließ den Rechenweg aus, verstand überhaupt nicht was der Rechenweg ist und weshalb der wichtig ist. Kinder, für die es schwer ist, sich selbst zu strukturieren haben oft große Probleme Sachaufgaben zu lösen selbst wenn sie die Grundrechenarten an sich beherrschen.

Lerne eine Sachaufgabe zu strukturieren

Als erstes schreibe ich meinem Sohn groß und deutlich die verschiedenen Schritte einer Sachaufgabe auf einen Zettel. So erkläre ich ihm, dass er bei jeder Sachaufgabe immer das Gleiche tun muss. Den Zettel hänge ich auf unsere Magnettafel. Jedes Mal, wenn wir eine Sachaufgabe lösen, holt er also als erstes diesen Zettel und arbeitet Schritt für Schritt die Aufgabe ab.

  1. Sachaufgabe laut vorlesen
  2. Alle zur Rechnung notwendigen Informationen unterstreichen
  3. Rechenweg finden

Spätestens bei Schritt 3. Stehen wir vor dem verschlossenen Scheunentor. Denn ab jetzt überspringt mein Sohn sämtliche Schritte und ist in Gedanken schon bei der Lösung. Da er sich aber nicht fragt, welche Rechenart bei der Aufgabe gefordert ist und keinen Plan hat, weil einem ja dazu klar sein müsste, wie der Rechenweg ausschaut, bleibt er stecken und kommt nicht weiter. Es geht also darum zu lernen sich bei Schritt 3 einmal nur auf den Rechenweg zu konzentrieren. Sobald er aber kleine Zahlen sieht, ist er ausschließlich bei der Lösung beschäftigt und blockiert sich selbst. Wie ein kleiner Magnet fixiert er sich auf die Lösung und kann sich nicht mehr auf den Rechenweg konzentrieren. Aus diesem Grund entmagnetisiere ich die Sachaufgabe indem ich so exorbitant hohe verwende, dass er die Lösung nicht finden kann, da wir uns nur im Zahlenraum bis 1000 bewegen. Ich sage ihm also, dass momentan die Lösung für mich uninteressant ist. Nur der Rechenweg interessiert mich. Wir suchen nun jeden Tag für 4 Sachaufgaben (eine Aufgabe pro Rechenart) den Lösungsweg. Das machen wir tagtäglich solange bis mein Sohn problemlos in der Lage ist den Rechenweg zu finden. Denn vorher ist es sinnlos einen der anderen Schritte anzugehen.

Bei Sachaufgaben geht es weniger darum, die Rechenarten richtig anwenden zu können, sondern sehr viel eher darum zu lernen sich selbst zu strukturieren. Es ist folglich sinnlos eine Aufgabe komplett durchzurechnen, wenn ein Kind nicht in der Lage ist einen der notwendigen Schritte auszuführen. Dann muss ich solange dran bleiben bis der Knoten gelöst ist.

  • Rechenaufgabe lösen
  • Antwortsatz finden

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