Kleine Lady

Neulich habe ich sie wiedergesehen – die kleine Lady. Tasche schwenkend hüpfte sie mit wippenden Zöpfen die Bordsteinkanten entlang hoch und runter. Als sie mich sah stoppte sie abrupt und sagte:“ Wo ist er jetzt?“ „Wer? Mein Sohn?“ Sie nickte und ihre Zöpfe wippten wieder.“ In welche Schule geht er?“ „Er ist jetzt daheim. Er wird von mir zu Hause unterrichtet.“ „Du bist Lehrerin?“ fragte sie mich mit erstaunter Stimme. „Nein, eigentlich nicht. Aber jetzt irgendwie schon,“ antwortete ich lachend.

Als die kleine Lady und mein Sohn in eine Klasse gingen, hassten und liebten sie sich gleichermaßen. Sie konnten nicht mit aber auch nicht ohne einander. Vielleicht lag es daran, dass sie sich so ähnlich sind. Jetzt sind sie beide außen vor. Sie geht in eine andere Schule. Er ist Zuhause.

Eigentlich ist diese Kleine, die da vor mir herumzappelt, eine Große, denn die erste Klasse durfte sie gleich drei mal absolvieren. Ja, so was gibt es. Das erste Mal hat man sie für unreif empfunden und in die Vorschule rückgestuft. Zu ihrem eigenen Wohle wohlgemerkt. Das zweite Mal, ach keine Ahnung, ich glaube sie störte einfach das Klassengefüge. Sie ist ein charmanter, unkonzentrierter Wirbelwind, der durch alle Gassen fegt und dabei die Ordnung durcheinander bringt. Beim dritten Mal war sie dann neun und die anderen Kinder in ihrer Klasse sechs Jahre alt. Sie benahm sich wie eine Neunjährige und die anderen wie Sechsjährige.

Niemandem hat das gefallen.Ein Jahr später beim Erstkommunionelternabend war ihre Mama, eine alleinerziehende Frau, abwesend. Die Damen der Gesellschaft hatten im Vorfeld schon alle kompatiblen Kinder in Gruppen zusammengefasst. Niemand wollte sein Kind mit der kleinen Lady oder einem anderen, kleinen Experten für Unruhe in einer Gruppe sehen. Doch mit der kleinen Lady, also, das eigene Kind mit jemandem wie der kleinen Lady in einer Erstkommuniongruppe -unvorstellbar. Sie hatten sich alles gut überlegt diese Damen. Doch ihre Rechnung mussten sie ohne den Wirt machen. Das war ein Glück für die kleine Lady und auch für andere.

Ich blickte in ihr Sommersprossengesicht und unsere Augen trafen sich. Sie sagte: „Es geht mir jetzt besser.“ In ihren Augen jedoch sah ich die Sehnsucht und beide wussten wir, dass diese unerfüllt bleiben würde. Da begann mein Herz zu schmerzen, für sie und für all die anderen.