Instinkt

Es war schon weit nach Mitternacht. Nebelschwaden zogen ihre Schleier von der Seine Richtung Louvre, während ich mutterseelenalleine an der Bushaltestelle stand. Die Party hinter dem Hotel de Ville war echt geil gewesen. Nur mit Mühe hatte ich mich von den neuen Freunden, die ich dort kennenlernte, trennen können. Was für eine Bombenstimmung! Am liebsten wäre ich noch ein Weilchen geblieben. Ich spürte noch den Schweiß vom Rennen auf meinem Rücken. Die Kühle der Nacht zog durch meine Kleidung und ließ mich erzittern. „Wann, wann nur kommt dieser verdammte Bus!“ dachte ich laut. Ich konnte den letzten Nachtbus auf keinen Fall verpasst haben, denn ich war den gesamten Weg gerannt, so schnell ich nur konnte. Doch der stetig wandernde Zeiger auf meiner Armbanduhr ließ allmählich Zweifel in mir aufsteigen, ob dieser Bus noch kommen würde. Wenn nicht dann, ja dann würde ich einen Fußweg durch die halbe Pariser Innenstadt antreten müssen. Am Rande von Rotlichtvierteln entlang durch Gegenden, die ein junges Mädchen ganz alleine im Dunkel der Nacht lieber meiden sollte.

Der Nebel wurde dichter und schemenhaft nahm ich mit einem Mal eine Gestalt wahr, die vom Seineufer her auf mich zukam. Kalter Schweiß lief mir jetzt den Nacken hinunter, in dem sich meine Härchen aufzustellen begannen. Ein Mann mit schwarzem Mantel und Kontrabass stellte sich neben mich.  Offensichtlich wartete auch er auf den Nachtbus, was mich hoffen ließ, dass dieser Bus endlich auftauchen würde. Offensichtlich war er Musiker und „böse Menschen kennen keine Lieder“. Das hatte mir meine Mama auf alle Fälle beigebracht. Beide Gedanken durchfluteten mich mit Erleichterung und verschafften mir den Mut ihn das Offensichtliche zu fragen:

„Warten Sie auch auf den Nachtbus?“

„Bien sur,“ antwortete er mit einem Lächeln in der Stimme und blickte mir ins Gesicht. Der kurze Augenkontakt bestärkte mich in der Vermutung, dass er kein Serienmörder war. „Gut so,“ dachte ich und wir verstummten wieder. Gebannt starrten wir beide in die Richtung, aus der der Bus kommen sollte. Bis mir ein Seufzer entfuhr, in den er herzhaft einstimmte. Er meinte so wie es aussähe, könnten wir da noch die ganze Nacht warten. Sein Akzent ließ mich erkennen, dass auch er ein Ausländer war.  „Wohin musst du?“ fragte ich ihn. „Barbès Rouchard“ antwortete er. „Oh schade!“ entfuhr es mir. „Das ist nicht ganz meine Richtung. Aber vielleicht könnten wir ja ein Stück miteinander gehen?“ Es muss wohl Hoffnung in meiner Stimme gelegen haben. „Warum nicht?“ Er hängte sich seinen Kontrabass über die Schulter und so spazierten wir gemeinsam durch die Pariser Nacht, die mir nun nicht mehr dunkel und kalt, sondern samtschwarz erschien. Die Nebel ließen wir hinter uns und schlenderten an der Opéra Garnier vorbei durch vom Mondschein erleuchtete Straßen. Er ließ mich einen Blick in sein umtriebiges Musikerleben werfen und ich erzählte ihm wie es war direkt nach dem Abi von der Kleinstadt Lohr in die Weltstadt Paris zu ziehen. Wir plauderten so angeregt, dass ich gar nicht merkte wie wir sicher vor meiner Haustür ankamen.

Ich sah ihn nie wieder, meinen Schutzengel.

Manchmal frage ich mich, wer mir die Sicherheit schenkte mich diesem Mann im schwarzen Mantel anzuvertrauen. Wer war es, der mir zuflüsterte, dass es absolut notwendig sei mit diesem Unbekannten gemeinsam quer durch Paris zu wandern. In Wirklichkeit war mein Schutzengel etwas anderes oder war‘s ein anderer? Wie und was auch immer es war, ein paar Jahre später hat mir dieser Schutzengel in Lyon wohl das Leben gerettet.

Es war wieder einmal nachts als er mir vermutlich das Leben rettete. Wieder einmal war es spät geworden, denn ich hatte mit zwei deutschen Freundinnen die Kneipen Lyons erkundet. Ich erinnere mich noch genau daran, wie die eine herumdruckste bis sie endlich fragte: „Würde es euch wohl was ausmachen mich bis zur Bushaltestelle zu begleiten?“ Es war ihr anzusehen wie peinlich ihr diese Frage war. Wie schwer es ihr doch fiel zuzugeben, dass da beim letzten Mal so komische Typen gewesen seien, die ihr ein mulmiges Gefühl im Bauch hinterlassen hätten. „Kein Problem,“ meinten wir beiden anderen, die wir eigentlich um die Ecke wohnten und begleiteten sie nach ‚Gorge de loup‘ einer Bushaltestelle, die bezeichnender Weise den Namen Wolfskehle trägt.

Es war dunkel. Trotz der lauen Sommernacht fröstelte uns leicht als wir gemeinsam an der Bushaltestelle warteten. Niemand außer uns war da, als wir uns auf die Wartebank setzten. Die Baustelle hinter uns lag menschenleer und im Dunkel hinter dem großen Kran öffnete sich eine tiefe schwarze Baugrube. Ein paar Jungs tauchten hinter dem Baucontainer auf. Dunkelhäutig wie sie waren, stammten sie offensichtlich aus dem Süden. Die üblichen Kerle, die ich schon von Paris her kannte. Solche, die auch noch eine Klobürste angemacht hätten. Komplett harmlose Aufschneider und wie nicht anders zu erwarten umkreisten sie uns und begannen ihre übliche Anmache. „Mädels macht euch locker,“ sagte ich in der Annahme, dass wir es hier mit ein paar harmlosen, aber nervigen Typen zu tun hätten. „Tut einfach so, wie wenn ihr kein Wort französisch versteht.“ Bisher hatte diese Strategie noch immer funktioniert. „Ignoriert sie.“

Weitere Typen tauchten auf. Es wurden mehr. Plötzlich spürte ich, wie die Stimmung kippte. Es lag etwas Ungutes zum Greifen in der Luft. Wie Eisenspäne sich auf einen Magneten ausrichten, formierten sich diese Typen um einen mit Gesichtsnarben verunstalteten Kerl. Dieser Kerl war als Letzter zur Gruppe hinzugestoßen und verströmte ein eiskaltes Feuer, eine Kraft, die auf die anderen abzufärben schien und sie dadurch verwandelte. Verschwunden waren die harmlosen Aufschneider und hatten einer Gruppe von Schlägertypen Platz gemacht, die sicher mehr wollten als nur flirten.

Ich verstand jedes Wort, das gesprochen wurde. Wahrscheinlich als Einzige, denn die anderen beiden konnten nur Alltagsfranzösisch. „Du musst hier weg. Schnell.“ Raunte mir mein Schutzengel zu. Die Annahme, dass es wirklich mein Schutzengel gewesen sein musste, der da mit mir gesprochen hatte, lag nahe als ich meine beiden Freundinnen anschaute. Plötzlich saßen sie da wie zwei kleine Mäuse, hypnotisiert von einer Klapperschlange. Jetzt stand der Trupp schon geschlossenen im Kreis um unsere Bank herum. Mir dämmerte, dass es höchste Eisenbahn war etwas zu unternehmen. „Ich zähle bis drei, dann stehen wir gleichzeitig auf und durchbrechen den Kreis,“ flüsterte ich den anderen auf deutsch zu. Automatisch nahmen wir uns an den Händen und gingen einfach frontal auf die Kerle zu. Wie eine Schiebetür traten diese zur Seite, wohl überrumpelt von unserem unerwarteten Verhalten.

Und dann rannten wir bis uns das Herz im Halse schlug . Rannten wie wir noch nie im Leben gerannt waren. Ich konnte es nicht lassen mich umzudrehen. Niemand folgte uns. Die vom orangenen Laternenlicht durchflutete Straße blieb menschenleer. Als ich den Kopf wieder nach vorne drehte, sah ich die Scheinwerfer des Busses auf uns zu kommen, der unsere Freundin abseits der Haltestelle aufgabelte. Eilig winkten wir ein Taxi herbei und verließen den Ort.

Erst als ich zu Hause war, begriff ich die möglich gewesene Tragweite dieser Situation, welchen meinen Freundinnen wohl von Anbeginn klar gewesen war. Erst in meinem Schlafzimmer, allein für mich, begann ich zu zittern. Erst zu Hause hatte ich Zeit für Dankbarkeit. War es mein Instinkt? Oder steckt da jemand anderer außerhalb meiner selbst dahinter?

Heute da ich gelernt habe auf diese Stimme zu vertrauen und sie ernst zu nehmen, glaube ich, dass es eine Mischung aus beidem ist. Es ist dieser Glaube, der mir Sicherheit gibt und das Wissen immer und überall beschützt zu sein. Der Glaube daran, dass es da jemanden gibt, dem ich trauen kann und der mich liebt. Ein Glaube, der nichts mit Zahlen und vermeintlichen Sicherheiten zu tun hat und doch realer ist als alles was ich mir vorzustellen vermag.

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