Homeschooling und Glaube

oder wie ich lernte meinen Regenschirm zu gebrauchen

Damals vor vier Jahren prasselte ein dichter Regen auf unsere Familie. Dicke Tropfen klatschten auf mich nieder, als ich verkündete, dass ich unseren Ältesten daheim unterrichten würde. Ich wurde plitschnass. Es regnete dicke Tropfen gefüllt mit den Ängsten und Sorgen anderer. Am meisten besorgt, waren vor allem die Menschen, welche mit Homeschooling gar nichts zu tun haben, meine deutschen Verwandten. Doch auch die österreichische Verwandtschaft hielt ihre Gießkannen bereit. Wahrscheinlich, weil das was dem Menschen unbekannt ist, die größten Ängste auslöst.Die omnipräsente Sorge, geteilt von aller Welt, ist die drohende Desozialisation daheim unterrichteter Kinder. Ein ganz großes Thema in meinem Umfeld, aber auch in den Medien.

Kein Thema bei denen, die es betrifft. Warum? Weil es tatsächlich im Homeschoolalltag kein Problem darstellt. Ich kenne viele Homeschoolfamilien. Es gibt für uns alle unterschiedliche Herausforderungen, aber die sind anderer Natur.

Das größte Problem bei dieser Thematik ist der Glaube an das Problem selbst von Menschen, die in der Regel keine Homeschooler sind. Ich finde es spannend, dass der Großteil der Menschheit in dem fixen Glauben lebt, soziales Verhalten könne ein Kind nur in der Schule erlernen. Freundschaften finden und pflegen, könne ein Kind, so der Volksglaube, übrigens auch nur in der Schule. Im Mittelalter waren die Menschen felsenfest davon überzeugt, dass die Erde eine Scheibe sei. Ähnlich fix hält sich der Glaube, dass daheim unterrichtete Kinder einsam, allein, verlassen und leider bar jeglicher sozialen Kompetenz aufwüchsen. Dabei liegt es auf der Hand, dass es unzählige andere Möglichkeiten gibt anderen Kindern außerhalb der Schule zu begegnen.

Unser Mittlerer wird von mir daheim unterrichtet und geht am Nachmittag in den Hort. Das ist eher eine seltene Kombination, aber offensichtlich gibt es sie. Er ministriert leidenschaftlich gerne und nimmt an jeder Gruppenveranstaltung oder Zeltlager teil. Unser Ältester ging in den Turnverein. Ministrieren ist nicht so sein Ding. Sich in der Pfarrgemeinde engagieren oder auch in Vereinen, das machen die meisten daheim unterrichteten Kinder. Wenn Corona besiegt ist, können wir wieder die Fußballvereine, Theaterclubs und Chöre dieses Landes bevölkern.

„Aaaaber die soziale Kompetenz, da reicht doch kein Fußballverein“ wandte eine Verwandte ein, die unsere Entscheidung für kompletten Irrsinn hielt. „Was ist eigentlich soziale Kompetenz? Was sind diese Soft Skills, die die Wirtschaft so händeringend hierzulande sucht?“ fragte ich. Teamfähigkeit, Kommunikation, das Erkennen der Bedürfnisse anderer, erlernt der Mensch diese Fähigkeiten wirklich am besten in einer Gruppe Gleichaltriger? Schule, wie wir sie heute kennen, ist evolutionstechnisch gesehen eher eine junge Einrichtung. Menschen wuchsen früher in Gruppen, die mehrere Generationen umfassten, auf. Die Altersunterschiede in unserer Familie tragen sehr dazu bei, dass meine Kinder lernen, die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen wahrzunehmen. Wenn mein Ältester dem Jüngsten einen Kakao macht, weil ich gerade mit meinem Mittleren Mathe mache, ist das eine soziale Kompetenz. Zugegeben, das habe ich Corona zu verdanken, denn eigentlich geht mein Ältester ja wieder in die echte Schule. Mein Mittlerer, ein echter Homeschooler, musste zu Nicht-Corona Zeiten die Geschirrspülmaschine ausräumen, während ich den Jüngsten in den Kindergarten brachte. Er hat ziemlich schnell kapiert, dass ich ihn nicht daheim unterrichten kann, wenn ich alles im Haushalt alleine machen muss.

„Du bist diplomierte Ingenieuse, aber keine Lehrerin,“ sagte eine Tante. „Du hast keinerlei pädagogische Ausbildung. Es ist unverantwortlich dein Kind deiner Unkenntnis auszusetzen.“ „Eltern, die daheim unterrichten, wissen gar nicht, was sie sich und den Kindern antun,“ meinte eine Lehrerin, die im Rahmen einer ORF Sendung zu dem Thema befragt wurde. „Wie sollen solche Eltern denn an Lehrmaterialien kommen?“ fuhr sie fort. Wie erleichtert war ich, als sich in der Sendung herausstellte, dass sie pensioniert ist und nicht mehr unterrichtet.

Denn ich bin umgeben von Lehrmaterialien. Allein im Garten findet sich unglaublich viel Material für den Sachkundeunterricht. Wer die Augen öffnet, kann dort auch viele Mathematikaufgaben finden. Die besten Aufsätze schreibt mein Mittlerer auf der Grundlage von Postkarten. Mein Ältester lernte die Maßeinheiten beim Kochen. Wir haben schon mit Kastanien gerechnet, Flächen im Garten vermessen und berechnet. Im Internet finde ich Unmengen an Filmen, Unterlagen und Inspirationen. Außerdem stellt der Staat jedem Homeschooler die Unterrichtsbücher kostenlos zur Verfügung. Es stimmt ich bin keine Pädagogin und ich hatte auch keine Ahnung auf was ich mich da einließ. Hätte Jim Knopf Lisi gerettet, wenn er gewartet hätte, um herauszufinden auf was er sich einlassen würde? Wann wissen wir schon auf was wir uns einlassen? Wusste ich auf was ich mich einließ als ich schwanger wurde? Jim Knopf wäre in Lummerland geblieben und ich wäre kinderlos geblieben. Wären wir glücklicher, Jim Knopf und ich? Keine Ahnung. Auf alle Fälle wäre ich ärmer. Jetzt bin ich reich an Liebe, an Erfahrung und an Wissen.  

Und wenn es mal wieder regnet, so denke ich daran, dass ich auch meinen Regenschirm aufspannen kann.

4 Kommentare zu „Homeschooling und Glaube“

  1. Herrlich!
    So erfrischend und zugleich berührend dies zu lesen.
    Ich bin eine Pödagogin und sehe es genauso: Schule kann nicht alles geben und die Familien tragen auch einen Teil bei (oder auch nicht). Sie ergänzen sich gegenseitig und das bedeutet, eine Institution kann für eine gewisse Zeit die Aufgaben der anderen übernehmen, so wie Homeschooling es tut. Die Kinder finden ihren Weg.
    Was macht aus uns einfühlsame und verantwortungsbewusste Menschen? Die Tatsache, dass wir in einer Gruppe unsere Grenzen und Fähigkeiten ausgelotet haben, oder eher eine Kindheit die uns stark gemacht hat? Wenn ich meine drei ganz unterschiedliche Kinder betrachte, frage ich mich das oft und finde keine richtige Antwort!
    Euren Weg, Heidi, finde ich bewundernswert und bin schon gespannt was die Zukunft bringt!! Alles Liebe, Jana

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