Gibt es heutzutage noch hitzefrei? Ich bin mir nicht sicher. Damals aber als ich zur Schule ging, hofften wir jeden Juli inständig auf hitzefrei. Kaum ein Thema beschäftigte intensiver unsere Gedanken.

Am frühen Morgen schon, wenn wir an der Haltestelle auf den Schulbus warteten, spekulierten wir eifrig über die Wahrscheinlichkeit eines hitzefreien Tages. Soweit ich mich entsinne, lag die magische Grenze für einen geschenkten Tag bei 27 Grad am Vormittag. „Wird der Sommer die magische Grenze knacken?“ fragten wir uns und schlossen Wetten ab.

Häufig skandierten wir nach der großen Pause, wenn es unserer Ansicht nach schon ziemlich heiß war:“ Hitzefrei, hitzefrei, wir wollen hitzefrei! Schule ist uns einerlei.“ Die ganze Schule, also alle Schüler, die wir in zweier Reihen wieder in die Klassenzimmer trotteten, forderten mit vereinter Stimme hitzefrei. Was für ein Spektakel! Manchmal konnten wir das Herz der Direktorin erweichen. Manchmal rann uns weiterhin der Schweiß von der Stirn während wir unsere Matheaufgaben lösten.

Bekamen wir jedoch hitzefrei, so war das ein Gratisgeschenk, unverdient und deshalb um so köstlicher. An einem solchen Tag schien die Sonne heller, das Eis schmeckte besser und die Verheißungen der nahenden Sommerferien lagen zum Greifen in der Luft. In jener Zeit damals ohne Handy, ohne Internet, kamen wir zwangsläufig immer mal wieder ohne Vorwarnung nach Hause. Ich habe mir nie die Frage gestellt, ob das für meine Mutter ein Problem war. Ganz selbstverständlich war sie immer für uns da. So wie die meisten Frauen damals. Vielleicht schaute sie vor dem Einkaufen aufs Thermometer und richtete ihre Erledigungen danach? Ich habe keine Ahnung, wie sie das machte. Aber meistens war sie da. Selten standen wir vor verschlossener Tür. Und war das der Fall, so holten wir uns einfach bei der Nachbarin den Schlüssel oder kletterten frech über den Balkon in der Hoffnung, dass diese Tür unverschlossen sei. Meine Mutter seufzte nach einer solchen Aktion immer, runzelte die Stirn und meinte mit strengem Blick: „Kinder, wenn das ein Einbrecher sieht….“ Wie auch immer, wir wussten uns zu helfen. Wir lernten damals, was zu tun ist, wenn mal niemand da ist. Als Kind schon wuchs ich mit der Gewissheit auf: Ich kann mir selber helfen, auch ohne Erwachsene.

Unkomplizierte, einfache Zeiten, zumindest für mich. Wie das für meine Mutter war, weiß ich bis heute nicht. Was ich weiß, ist, dass ich den Geschmack von hitzefrei, dem Vorboten der großen Ferien, noch heute auf meiner Zunge zu schmecken vermag. Und das, das ist mein großes Sommerglück!