Ein Hoch auf den Unterschied!

Mein Jüngster singt fröhlich Nonsens vor sich hin, während er sich selbst eine Bildergeschichte erzählt. Im Hintergrund rauscht die Geschirrspülmaschine und verbreitet ein Geräusch, das in mir Wohlbehagen und Ruhe verströmt. Die Muse des Moments nutzend, suche ich nach Worten. Ich suche und suche, derweil mir mein Vorhaben wie Wasser durch die Finger rinnt. Das passiert mir in letzter Zeit oft. „Das ist unfair“, denke ich mir. „Bis vor kurzem war ich so richtig im Flow und jetzt das!“

„Es ist so ungerecht,“ sagte auch letztens mein Ältester zu mir.

Eigentlich höre ich diesen Satz sehr oft. Entweder von mir selbst oder noch häufiger von meinen Kindern, den wahren Experten für Gleichberechtigung. Manchmal geht es um die unterschiedliche Größe von Kuchenstücken, ein anderes Mal um die unterschiedliche Länge von Kuscheleinheiten, dann um die unterschiedlichen Aufgaben im Haushalt. Bei mir selbst geht es um die Akzeptanz meiner Lebensphase, die mir ungelegen kommt. Unterschiede und Vergleiche gehören zum Thema Gerechtigkeit. Empfundener Mangel kommt im Falle von Ungerechtigkeit hinzu. „Ja, wenn ich nur genau das gleiche Maß wie andere erhalten würde, dann, ja dann könnte ich glücklich sein.“ Ist das so? frage ich mich. Wären meine Kinder glücklicher, wenn sie alle das Gleiche bekämen?

Einmal, es war ein düsterer Samstagnachmittag, wir diskutierten wieder einmal über die Ungerechtigkeiten des Lebens im Allgemeinen und über die in unserer Familie im Konkreten, da machte ich meinen Kindern tatsächlich folgendes Angebot: Zukünftig sollten alle genau das Gleiche erhalten. Gleiche Schlafenszeit, mit dem Lineal vermessene Kuchenstücke, gleiche T-Shirtfarben, gleiche, zeitlich kontrollierte Kuscheleinheiten … alles gleich. Was waren sie entsetzt! Seither verstehen sie eine Spur besser, dass Liebe unterschiedlich sein muss. „Jeder von euch ist anders und nur wenn ich euch auf unterschiedliche Art liebe, dann liebe ich euch wirklich,“ erklärte ich ihnen. Nur dann kann ich meinen Kindern gerecht werden, denn sie sind so herrlich unterschiedlich. So liebe ich jeden meiner Söhne auf einzigartige Art und Weise.

Ist das nicht unser aller tiefster Sehnsucht? Die Erfüllung der Bedürfnisse unseres einmaligen Seins.

Die Geschirrspülmaschine rauscht noch immer und ich schlafe eingelullt von diesem Geräusch ein. Plötzlich stehe ich im Bildungsministerium und ein netter Mann im Anzug spricht mit mir: „Ihre Kinder sind also anders?“ fragt er mich unverblümt. „Das ist doch normal, gute Frau. Das sind sie alle. Ah, aber für ihre Familie ist es wichtig, dass eines zu Hause unterrichtet wird? Nun, wenn das für sie alle gut so ist, dann nur zu. Sie haben Sorge, weil Sie nicht wie die anderen ins Pensionssystem einzahlen können? Ach …“ und lachend macht er eine wegwerfende Handbewegung. „Sie leisten auf andere Art so viel für diese Gesellschaft. Wir machen da keinen Unterschied.“ „Ein Traum!“ denke ich mir und wache auf.

Photo by ian dooley on Unsplash

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