Das Kind und der Mutanfall

Licht durchflutete das Wohnzimmer. Die gesamte Rasselbande saß um den Esstisch versammelt und feierte Geburtstag. Ich hatte es mir in der Ecke des Sofas mit einer Tasse Kaffee gemütlich gemacht, denn ich war ja nur die Mama in Chauffeurinnenfunktion.

Da ging die Terrassentür auf. Ein kalter Luftzug wehte in den Raum. Zwei schwarz gekleidete Agentinnen mit Sonnenbrille traten hinein. Den Jungs blieb der Kuchen im Halse stecken als die Bond Girls ihre Ausweise zückten . „Agent 007,“ bellte die eine im Befehlston. „Kuchen essen, aber dalli. Dann wird augenblicklich angetreten. Das Trainingscamp muss pünktlich starten.“ Ich staunte nicht schlecht, als die Jungs innerhalb kürzester Zeit fertig gegessen hatten. Innerlich zog ich meinen Hut vor den Beiden. Pünktlich meldeten sich alle zum Rapport und das Training konnte starten. Von der Mama des Agenten 007, die an seinem besonderen Tag Servier- und Putzfunktion übernahm, erfuhr ich unter vier Augen, dass die befehlshabende Agentin ihre Tochter Julia sei.

Ich war schwer beeindruckt mit welchem Fingerspitzengefühl Julia den Haufen Jungs durch den Kindergeburtstag begleitete. Wow, was für eine Sozialkompetenz, was für eine Kreativität, was für ein Potenzial!

Die Party war zu Ende. Ich saß im Garten und das Bond Girl hatte sich wieder in Julia verwandelt. Wir tranken gemeinsam eine Limonade und sie erzählte mir ihre Geschichte.

„Alles begann damit, dass wir umzogen und ich von einer ‚english speaking school‘ in eine normale Schule wechseln musste. Du musst wissen, ich bin eine echt starke Legasthenikerin. Es ging mir miserabel in der neuen Schule. Am Ende des Jahres war klar, dass ich in eine Sonderschule gehen soll. Für mich ein Alptraum, der Horror schlechthin. „Mama,“ sagte ich,“ unterrichte mich daheim.“ „Nie im Leben,“ sagte meine Mutter. Sie suchte lange, verzweifelt nach einer passenden Schule für mich und dann wurde sie fündig – zu Hause. Mir war das sofort klar gewesen, dass Homeschooling für mich passt. Jetzt unterrichtet sie auch noch meine vier jüngeren Geschwister daheim.“

Julia grinste mich an. „Ich mache jetzt übrigens eine Lehre zur Buchhändlerin.“ „Waaas? Du bist doch Legasthenikerin …,“ stotterte ich. „Ich weiß,“ sagte Julia und grinste wieder. „Mamas Engagement bereitete mir den Weg, damit ich die Schritte im Berufsleben gehen kann, die ich möchte. Als sie hörte, dass ich mir wünsche, dass sie mich zu Hause unterrichte, sträubte sie sich wie ein Esel. Dann biss sie an und nichts konnte sie mehr aufhalten. Sie gab alles, damit wir eine gute Ausbildung erhalten. Sie gründete daraufhin gemeinsam mit anderen Eltern ein Netzwerk für Homeschooler (http://www.homeschoolers.at). Ihr war von Anbeginn klar, dass sie daheim am besten unterrichten wird, wenn sie mit anderen Gleichgesinnten im Austausch ist.

Seither geht mir diese Geschichte nicht mehr aus dem Kopf. Ein Jahr später schließt Julia erfolgreich ihre Lehre ab und wird außerdem vom Geschäft übernommen. Wo wäre sie jetzt, wenn sie nicht so genau wüsste wohin sie will? Wo wäre sie ohne ihre Mutter, diese starke, mutige Frau?

Wo wäre Julia jetzt, wenn Homeschooling in Österreich verboten wäre?

Das Titelbild zeigt Julia kurz nachdem sie erfuhr, dass sie die Externistenprüfung bestanden hatte.

Wer von Susi und ihren Homeschool – Erfahrungen profitieren will, dem empfehle ich ihren Blog http://www.homeschoolerinaustria.at/

Julia im Sommer 2019; So glücklich, denn sie hat die Prüfung zur Buchhändlerin erfolgreich abgeschlossen.